Praxis muss nicht schließen

In Ernsthofen ist die Nachfolge von Hausärztin Sabine Kimmel gesichert
Von Matthias Voigt

Eigentlich wollte sie nur sechs Wochen bleiben. Am Ende waren es aber 27 Jahre. Sabine Kimmel sitzt in den Räumen ihrer Arztpraxis in Ernsthofen und muss selbst ein wenig schmunzeln, obwohl sie diese Anekdote schon zigmal erzählt hat.
Die sechs Wochen brauchte sie damals noch, um die Kassenzulassung zu erhalten. Doch blieb sie in dem Modautaler Ortsteil, erst als Teil einer Gemeinschaftspraxis, seit 1997 führt die Landärztin den Sitz alleine.
Nur noch wenige Tage bleiben Sabine Kimmel an ihrem angestammten Schreibtisch, denn ab 1. April ist sie ihn Ruhestand – nach 45 Jahren Dienst im medizinischen Bereich. Wehmut? „Ein bisschen schon. Aber ich freue mich auch, dass ich dann ganz inflationär mit der Zeit umgehen kann“, sagt die 65-Jährige.
Aufgeräumt wirkt die Ärztin auch deshalb, weil ihre Nachfolge mittlerweile geregelt ist. Denn auch Sabine Kimmel fragte sich zuvor, ob ihre Arztpraxis schließen müsse. So wie es an vielen Orten gerade im ländlichen Raum droht, wo etliche Hausärzte auf das Rentenalter zugehen oder es längst erreicht haben, aber trotzdem weiterhin praktizieren. Um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten.
„Meine Nachfolge war unklar“, sagt Sabine Kimmel. Hätte sich niemand gefunden, hätte die Praxis in Ernsthofen wohl schließen müssen. Die Patienten, die auch aus den umliegenden, weniger gut ans ÖPNV-Netz angebundenen Orten kommen wie Asbach oder Klein-Bieberau, hätten sich einen neuen Hausarzt suchen müssen. In größerer Entfernung als bisher.
Doch vor gut eineinhalb Jahren kam Rudolf Thiele, der Hausarzt aus Brandau, auf Sabine Kimmel mit einer Idee zu. Die nun Wirklichkeit wird. Denn ab 1. April übernimmt er die Praxis in Ernsthofen, die zur Zweigstelle von Brandau wird. „Für die Patienten ändert sich nichts an den Sprechzeiten“, versichert Sabine Kimmel. Und auch das angestammte Personal wird in den angestammten Räumen übernommen.
Kimmels Nachfolgerin wird Cornelia Ullsperger, in den vergangenen Jahren bei Rudolf Thiele in Brandau ausgebildet und auch dort angestellt. „In Ernsthofen wird sie ärztlich eigenverantwortlich arbeiten“, sagt Thiele. „Die Arbeitslast wird sicherlich größer, aber darauf bin ich eingestellt“, sagt Cornelia Ullsperger. Der Arbeitsweg für die Jugenheimerin sei nun auch nur minimal länger als bisher. „Ich freue mich auf den Kontakt mit den neuen Patienten.“
Nicht nur die Patienten können beruhigt sein, dass die Praxis in Ernsthofen weitergeführt wird. Sondern auch jeder Steuerzahler. Denn durch die Zweigstellen-Lösung muss nicht der Landkreis in die Bresche springen und auf eigene Kosten ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) aufbauen, wie es derzeit an mehreren Orten im Landkreis wie Weiterstadt und Mühltal geschieht.
In der Zweigstelle in Ernsthofen wird es künftig sogar mehr Leistungen als bisher geben, zum Beispiel Langzeit-EKGs. Warum Rudolf Thiele seine Idee überhaupt umsetzt, wo sie für ihn mehr Arbeit, mehr Bürokratie, mehr Verantwortung, wirtschaftliches Risiko und eine Präsenzpflicht von 7 bis 19 Uhr nun an zwei Standorten einbringt? Thiele ist Realist: „Wäre die Praxis geschlossen worden, hätte ich wahrscheinlich einige hundert Patienten mehr in Brandau gehabt.“ Doch die Kassen zahlen nur für die Behandlungen von einer bestimmten Zahl an Patienten voll. Jede weitere Person bedeutet Abschläge.
In Brandau hat Thiele noch keinen Nachfolger für Cornelia Ullsperger gefunden. Eine Bewerberin stellte sich zwar vor. Doch sie zog es dann doch nach Darmstadt.